Der Tisch vor Dir hat im günstigsten Fall vier Beine. Hat er denn nur zwei, dann fehlt ihm was und er fällt um. Damit er seine Balance wiederfindet und alles wieder im rechten Lot ist, wäre es angeraten, ihm ein drittes Standbein zu verpassen.
Gesellschaftlich gesehen ist er, obwohl fast jeder einen als sein Eigentum betrachtet, eher eine Randgruppe. Er positioniert sich selten in der Mitte und zieht in seinem Staate die Grenzen scharf der Wand entlang.
Der Kern seiner Natur, ich weiß, man glaubt es kaum, ist nicht die Seele, sondern der Baum. Seine Verwandten sind die Sessel, die Regale, die Kästen, die Fernsehkasterl der Nation, die Türen, die Betten. Eine klassische Großfamilie.
Trotzdem: Bitte nicht gießen! Außer vielleicht Kaffee oder Saft und auch das bitte nur aus Versehen. Das Wasser war ihm schon ein Freund in seinen jungen Tagen. Ohne Ende ist es durch seine Adern geströmt, hat ihm höflich „Guten Tag“ und „Gute Nacht“ gewünscht. Doch bei der Lagerung wurd’s ihm ausgetrieben und er hat sich im Laufe der Zeit gut an die Trockenheit gewöhnt. Das Feste ist seitdem der Aggregatzustand seiner Präferenz.
Aber an manchen Tagen ist er schon etwas unrund. Dann zweifelt er an seiner Tischexistenz mit allen Ecken und Kanten. Und mit dem Zweifel kommt der Neid. Die anderen haben es doch viel besser in ihrem Dasein!
Seine entferntesten Verwandten zum Beispiel, zurück bis Adam und Eva, sind die Bücher. Auf die ist er gar nicht gut zu sprechen. „Komm mir nicht mit denen!“, möchte er sagen, aber keiner hört hin. Die drehen sich wie die Blätter im Wind und sagen mal das zu dem einen und dann wieder das genaue Gegenteil zu jemand anderen. „Bei denen weiß man nie, wo man ist!“
Und auch die Türe, das verlogene Stück Holz. Die öffnet sich nicht für jedermann. Sie lässt nur jene passieren, die sich mit ihr gut gestellt haben, die anderen dürfen gerne draußen bleiben, bitte.
Er hingegen bleibt derselbe. Sei’s ein moderner Computer oder doch nur das Tischgedeck. Auf ihn kann man immer zählen! Gutmütig meistert er alles was der Tag so bringt mit Bravour. Er steht im Zimmer so da und wartet auf uns. Über die anderen zu richten, fiele ihm nicht ein.
Dass er ein Tisch ist und nicht mehr Baum, das hat erstens der Waldarbeiter und zweitens sein Schöpfer, der Tischler entschieden. Die meiste Zeit ist er zufrieden damit. Erst recht, wenn er ein Gesellenstück ist.
Als Kind ist es ziemlich egal, ob es nun der Tisch ist oder die Decke. Beides ist für einen unerreichbar. Man muss erst in die Sache reinwachsen, um es zu verstehen! Denn eines hat er den Menschen voraus. Er sucht nicht mehr, er weiß immerhin wer er ist, und ahnt nicht nur. Den Kohlenstoff, der Stoff, der ihn im Innersten zusammenhält, den kennt er wie das Wasser. Die exakte chemische Formel kann er trotzdem nicht aufschreiben. Er weiß Bescheid und danke, das genügt.