Ich bin erregt, ich bin entzürnt. In Summe bin ich alles, nur nicht emotional unbelastet.
Mein Fahrrad wurde gestohlen, das ist die eine Geschichte. Ich war auch bei der Polizei – gleich zwei Mal – das ist die andere Geschichte.
Ich gestehe. Ich bin betrunken. Treffender formuliert sollte eher gesagt werden, dass ich es war, denn es ist inzwischen schon etwas an Zeit vergangen. Ich bin eher am Boden der nüchternen Realität im Umgang mit unseren Behörden gelandet. Es ist kurz vor 9 Uhr am Morgen.
Als ich um halb zwei Uhr in der Nacht die Universität verließ und zu den Fahrradabstellplätzen kam, sah ich, dass mein Rad fehlte. Mein geliebtes Mountainbike, mein wertvollster Gegenstand, den ich erst im November letzten Jahres, kurz nach dem vorigen Raddiebstahl, mit nach Graz genommen hatte. Ich brauch(t)e es, es brachte mich unter Woche zur Arbeitsstelle und immer wieder wohlwollende Endorphinräusche bei ausgedehnten Touren. Im Jahr 1999, nach einem Monat Ferialarbeit in einem Blechwalzwerk, habe ich es mir aus eigenen Mitteln finanziert. Von Schladming aus, bin ich mit ihm einmal über die Berge, quer durch die ganze Steiermark, bis nach Hause gefahren.
Letzte Woche, das erste Alarmzeichen, ein Warnsignal. Nach der Arbeit wollte ich noch Medikamente bei der Apotheke kaufen. Als ich diese wenig später wieder verließ, sprach mich ein etwa gleich alter Mann an und erkundigte sich bei mir, ob denn dieses Rad, dass da vor dem Eingang stand, das Meinige sei, und fügte nach meiner Bejahung auf die Frage hinzu, dass ich sicherlich nichts dagegen hätte, wenn er die Polizei rufen würde, weil unten am Kurbellager ja eine Registrierungsnummer stehen sollte, welche den Besitzer eindeutig identifizieren würde. (Entschuldigt diesen Schachtelsatz, ich lese gerade Thomas Bernhard, und ich kann seine Schreibwut gerade prima nachvollziehen.) Auf jeden Fall willigte ich ein. Der Mann, er hinkte und hatte einen Gehstock bei sich, ging in die Apotheke. Ich wartete ein paar Minuten draußen vor der Tür. Ich sah ihn am Tresen stehen und mit der Bedienung sprechen, als ich kurz einen Blick hinein geworfen hatte. Gerade wollte ich ebenfalls die Apotheke wieder betreten, als ich aus dem Augenwinkel eine weitere Person, die sich mir näherte, erblickte. Im selben Moment verließ der hinkende Mann das Geschäft, ich fragte ihn, was denn jetzt los sei und ob die Polizei kommen würde. „Geh weiter!“, antwortete er mir barsch und überquerte die Straße. Die andere Person stieß tatsächlich zu ihm. Keineswegs wollte ich mich auf diese Sache einlassen, zwei sind eindeutig einer zuviel, deswegen fuhr ich (endlich) einfach davon.
Am darauffolgenden Nachmittag ging ich zur Polizei. Ich beabsichtigte, wie es so schön im Amtsdeutsch heißt, „sachdienliche Hinweise“ zu liefern. Denn niemals konnte der Mann, der mich vor der Apotheke angesprochen hatte, auf der Suche nach seinem gestohlenem Rad gewesen sein. Vielleicht ist der Mann gar amtsbekannt? Gelegenheit macht Diebe und der andere, welcher sich von der Seite förmlich an mich herangepirscht hatte, bestärkte mich in dieser Auffassung. Mein Rad war mangels eines Schlosses ungesichert, ich war in der Situation nur nicht so leichtsinnig gewesen, es alleine zu lassen und hatte Glück gehabt.
Natürlich war mir bewußt, dass kein tatsächlicher Straftatbestand vorliegen konnte. Doch einzig und allein das interessierte den Herrn Polizeibeamten. Keine Niederschrift, nichts. Danke für den wertvollen Hinweis! Nicht einmal das. Es interessierte einfach nicht.
Kurz nachdem ich bemerkt hatte, dass mein Rad offensichtlich gestohlen wurde, klingelte ich bei der nächsten Polizeistelle. Es war dasselbe Wachzimmer, in welchem ich die Woche davor gewesen bin. Niemand öffnete mir die Tür, also ging ich weiter, und machte auf dem Nachhauseweg einen Umweg zu einem anderen mir bekanntem Wachzimmer beim Landeskrankenhaus. Endlich machte mir jemand auf. Ich klärte den diensthabenden Polizisten über die Umstände auf. Erst mal widersprach er mir und behauptete zu wissen, dass auf jeden Fall jemand in der anderen Wachstube sein müßte. Widerwillig ging er fort, um dort anzurufen. Als er zurückkam und mir mitteilte, er hätte Recht gehabt und es sei tatsächlich jemand dort anwesend, änderte sich etwas an seinem Verhalten.
Ich habe eine Kleinigkeit vergessen anzumerken. Auf dem Weg dorthin kaufte ich mir bei einer Tankstelle eine Dose Bier. So stand ich also mitsamt der offenen Dose in der Hand im Wachzimmer. Ich hätte wissen müssen, und wußte es auch insgeheim, dass das Mißtrauen hervorrufen könnte. Ich hatte mich aber bewußt dagegen gesträubt, das Getränk in die Tasche zu geben oder vorher irgendwo außer Sichtweite im Freien zu platzieren. Man möge mich als Provokateur bezeichnen, allerdings möchte ich beifügen, dass ich ja aus gutem Grund vorsprach.
Die Sache mit dem Diebstahl und der Anzeige war ihm plötzlich nicht mehr wichtig. „Wieviele alkoholische Getränke haben Sie heute schon zu sich genommen?“, „Geben Sie es zu. In wievielen Lokalen sind Sie heute denn schon gewesen?“, „Kommen’S morgen wieder, wenn’S nüchtern sind!“, „Mitten in der Nacht eine Anzeige, sowas macht man ja untertags! Glauben’S, ich geh jetzt mit Ihnen Radl suchen?“ Ich war bei ihm unten durch, er nahm mich nicht sehr ernst. Auf meine Widerrede, dass mein Alkoholkonsum eigentlich nebensächlich sei und dass ich gerade von der Universität käme, bat er mich doch in die Stube hinein. „Was denken Sie sich eigentlich dabei, mit einer Dose Bier bei der Polizei zu erscheinen? Auf so eine Idee käme ich nicht.“ Ich hatte es mir mittlerweile aber schon anders überlegt und wollte auf keinen Fall bei dieser Person Anzeige erstatten. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Sorry, aber es war unerträglich, so herablassend behandelt zu werden, deswegen ging ich.
Ich holte meinen Reisepass von zu Hause, putzte mir die Zähne, verzichtete auf den Kauf eines weiteren Bieres, und machte mich wieder auf den Weg in Richtung Universität. Schlafen konnte ich ja nicht, was sollte ich tun? Richtig angetrunken war ich nie gewesen. Ich lallte nicht, schwankte nicht, war einigermaßen klar im Kopf, rechtlich also vollkommen geschäftsfähig. Deswegen schaute ich erneut bei der ersten Wachstube vorbei. Offenbar funktionierte die Klingel nicht. Ein kurzer Anruf unter 133, mit dem Hinweis, jemand sollte mir bitte die Türe öffnen, genügte, und siehe da, ich wurde erhört. Drinnen eine ähnliche Reaktion wie davor: Unverständnis ob der Tatsache, dass es so spät in der Nacht war und dass man eine Anzeige doch auch morgen erledigen wird können. Mittlerweile war es halb vier. Ja, klar, war ich doch zu Fuß durch die halbe Stadt marschiert! Das kann durchaus dauern.
Nun denn, ich durfte schließlich Anzeige erstatten. Eine kleine Bemerkung über das autoritäre Gehabe von anscheinend zu vielen Beamten möchte ich schon noch machen. Mein Eindruck ist, dass sie es offenbar nicht gelernt haben, nicht mit Temposündern, nicht mit Vandalen, nicht mit Taschendieben etc. umzugehen! Diese suggestiven Fragen. Dieses offene Mißtrauen. Wo bleibt da die Unvoreingenommenheit? Nicht jeder ist ein Täter oder Verdächtiger, liebe Damen und Herren von der Polizei. Und jetzt wird mir klar, mit welchen Problemen z.B. jene Schwarzafrikaner, die nichts mit Drogen am Hut haben, ja, es soll auch solche geben, aber polizeiliche Dienste in Anspruch nehmen müssen, desöfteren konfrontiert werden.
Als ich der Polizistin die Adresse des Ortes sagte, an dem ich mein Rad zuletzt abgestellt habe, mir die genaue Hausnummer aber nicht einfiel, ich jedoch stattdessen angeben wollte, dass es direkt beim Eingang des Instituts für Wärmetechnik gestanden hat und dies sicherlich genügen würde, entgegnete sie mir in scharfem Tonfall, dass letztlich „sie diejenige sei, die entscheiden würde, was ausreicht und was nicht.“ Danke, das genügt. Danke, der Anhörung. Ich plädiere auf schuldig, Sie haben mich überzeugt.